Immer besser texten

Bullshit (2) – Wie er entsteht

Fünf Bullshit-Sümpfe habe ich entdeckt. Drei lassen sich leicht trockenlegen, einer schwerer, einer gar nicht. Fangen wir mit dem gleich an:

1) Bullshit aus Absicht

Wir werden den Kurs der zeitnahen Transparenz fortsetzen und uns unvermindert für zielführende Reformen des Finanzsystems insgesamt einsetzen.

Wenn Herr Ackermann so etwas absondert, dann verwendet er Bullshit als Mittel des Vernebelns, des Hinhaltens, des maximalen Nichtssagenwollens bei maximalem Sagenmüssen. Thomas Steinfeld hat in seinem wunderbaren Buch Der Sprachverführer alle Verwerflichkeiten dieses Satzes aufgedeckt.

Menschen in Machtpositionen dient das Bullshitten zum Selbstschutz: Die Lüge, Ablenkung oder Nullaussage soll erst dann auffallen, wenn es für einen Gegenangriff zu spät ist. Bullshitten ist in diesem Fall systematisches Handwerk und kein Ausdruck von Unbeholfenheit.

Abhilfe: Keine. Wer absichtlich bullshittet, will es nicht anders.

2) Bullshit mangels Können

Am Nachmittag erfolgte eine kurzweilige Präsentation von Hermann Schulz über eine Reihe von automatisierten Lösungen der AXXOM zur Transformation von Altanwendungen, geschrieben in einer Vielzahl von herkömmlichen Sprachen und gefolgt von vier spezifischen Case-Studies, die bestimmte Problemkreise darstellen.

Unabsichtlicher Bullshit kommt seltener in Reden, häufiger in Texten vor – was auf seine Hauptursache verweist: Der Schreiber meint, sich irgendwie „hochwertiger“ ausdrücken zu müssen als beispielsweise gegenüber einem Kunden am Telefon.

Außerdem fehlt dem Schreiber schlicht das Handwerk: Er weiß nicht, worauf er achten muss und wie er es besser machen kann.

Abhilfe: Leicht zu haben, zum Beispiel durch ein Training oder TandemTexten mit SchreibSchwung.

3) Bullshit aufgrund von Nivellierung

Mit durchgängigen Automatisierungstechnologien und umfassenden Branchenlösungen steigern wir die Produktivität, Effizienz und Flexibilität unserer Kunden aus Industrie und Infrastruktur. Wir setzen konsequent auf integrierte Technologien und konzentrieren uns auf konzernübergreifende Plattformen. So können wir schneller und flexibler auf die Wünsche unserer Kunden eingehen.

Aus der „Über-uns-Seite“ von Siemens Industry, Bullshit-Index laut Blablameter.de: 1,2 –Dies sprengt die Skala mit ihrem offiziellen Höchstwert von 1,0.

Nun ein Blick auf die Über-mich-Seite des „Trainerlotsen“ Angelika Eder, einer Einzelunternehmerin:

Telefon-Verkauf ist meine Stärke, Kalt-Akquise meine Spezialität: Eiskalt, humorvoll und hartnäckig wie ein Terrier. Das Handwerk habe ich in Wien gelernt. Von der Pike auf, Anfang der 90er Jahre. Da war der Begriff “Call Center” noch gar nicht geprägt. Seither zieht sich Telefon-Marketing im B2B wie ein roter Faden durch mein Berufsleben. In den letzten 6 Jahren habe ich ausschließlich für Training & Coaching akquiriert.

Bullshit-Index laut Blablameter.de: 0,04

Zur Verteidigung von Siemens Industry lässt sich sagen: Die müssen für 204.000 Mitarbeiter schreiben, Angelika nur für sich selbst. In Großunternehmen durchläuft so ein Text unzählige Absegnungsprozesse und am Ende schleift die Rechtsabteilung letzte kreative Kante weg. Angelikas Kanten hingegen dürfen erkennbar bleiben, wodurch sie authentisch, frisch und glaubwürdig rüberkommt. Außerdem kennt Angelika den Sinn und Zweck ihrer Arbeit auch ohne Mission Statement, TQM und Strategie-Meetings.

Abhilfe: Schwierig, denn hier alles hängt vom Mut der Führungsspitze ab. Wenn der fehlt, kann man nur raten: Spart euch das Geld für teure Agenturen und lasst die Praktikantin ran. Die Produktivitäts-Effizienz-Flexibilitäts-Prosa kriegt auch sie hin.

4. Bullshit aufgrund abstrakter Produkte

Neben einer innovativen Auftragserfassung bzw. -verwaltung mit zahlreichen integrierten Web2.0-Funktionen – inklusive einer automatischen Berechnung der Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsstätte der Mitarbeiter – beinhaltet X3Temp eine intuitive wie effiziente Zeiterfassung. Aus den erfassten Stunden errechnet die Applikation in Kombination mit individuell einstellbaren Zuschlägen die relevanten Daten für den Vorbruttolohn und für die Faktura. Die Rechnungsverwaltung – einschließlich offene Posten und Mahnwesen erfolgt direkt über das System.

Software-Unternehmen haben es nicht leicht, denn ihre Produkte kann man nicht sehen, hören, riechen, schmecken oder anfassen. Das teilen sie mit allen Unternehmen, die Nichtmaterielles verkaufen. Beim Beschreiben reiht sich schnell ein abstrakter Begriff an den anderen. So entstehen Texte wie glatte Felswände: Der Leser findet keinen Halt und stürzt.

Abhilfe schaffe ich mit zwei Strategien:
1) Ich „übersetze“ den abstrakten Sachverhalt in konkrete Bilder: XTemp3 ist ein Bote mit viel Grips: Schon beim Herumrennen rechnet er alles auf drei verschiedene Arten zusammen: … Vorteil: Bildvergleiche aus dem Alltag prägen sich beim Leser fantastisch gut ein. Nachteil: Der passende Vergleich ist ein scheues Tier. Man muss lange auf der Lauer liegen, bis es vor die Linse läuft. Und landet man einen Treffer, meckert gleich die Perfektionistenfront. Denn der Bildvergleich transportiert nie alle Details, sondern prescht mit der wirkungsvollsten Spitze vor.
2) Die Sortierstrategie: Ich zerhacke den Fließtext, verzichte auf werbende Adjektive und veranschauliche durch Listen, Tabellen oder Diagramme. So verwandle ich den abstrakten Salat wenigstens in ein übersichtliches Sushi.

5. Bullshit aufgrund von Konvention

Klicken Sie ein paar Firmenprofile im Internet an und sie werden sich lesen, als hätten alle voneinander abgeschrieben:

Die xxx GmbH gehört zu den führenden Anbietern von xxx.

Unser Produkt- und Dienstleistungsangebot erstreckt sich über …

Wir sind Partner zur Sicherung und Erschließung von Wettbewerbsvorteilen …

Wir bieten maßgeschneiderte Lösungen auf dem Gebiet des …

Wir verfügen über mehr als xx Jahren Erfahrung

Kunden mit den unterschiedlichsten Anforderungen vertrauen auf unsere Leistungsfähigkeit und Serviceorientierung …

Solche Phrasen sind so anregend wie Mehl im Mund. Warum werden sie dennoch immer wieder benutzt? Meine These: Sie zielen auf eine religiöse Wirkung. Wenn alle das gleiche Mantra beten, stärkt es den Glauben der Gemeinde; wenn immer die gleichen Schlüsselwörter fallen, beruhigt es den Geist.

Abhilfe: Ich muss Ketzer sein wollen und verkünden, was ist, was neu ist und was anders ist. Das ist anstrengend und macht es nicht jedem Recht. Aber bullshit-arme Texte habe ich dann garantiert.

Fazit:

Bullshit vermeiden ist ein Bemühen, das über das eigentliche Texten hinausgeht: Es erfordert mehr Nachdenken, Dialog und Sichklarwerden. Oft erfordert es moralische Stärke – Mut, Ehrlichkeit, tun was man schreibt, schreiben was man tut. Und manchmal provoziert es Konflikte oder gar kurzfristige Nachteile. Viel Aufwand also für bessere Texte.

Lohnt sich der Ausstieg aus der Bullshit-Kultur überhaupt? Darüber schreibe ich im nächsten Post.